Die Wurzeln der Evangelischen Deutschen Gemeinde reichen weit zurück in die Geschichte der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong...

Im Jahr 1850 gründete sich in Berlin auf Initiative des Missionars Karl Gützlaff der "Berliner Frauen-Missions-Verein". Der Verein hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Mädchen in Südchina, die von ihren Eltern ausgesetzt worden waren, zu retten.

Schon 1851 traf das Missionsehepaar Neumann in Hong Kong ein. Sie errichteten ein Waisenhaus für die Mädchen - das Findelhaus Bethesda, das sich bald zu einer der bedeutendsten diakonischen Einrichtungen in der Kronkolonie entwickelte.

Seit Anfang 1856 wurden hier regelmäßig deutschsprachige Gottesdienste für die Evangelischen in Hong Kong gehalten...

Damals leitete Missionar Ladendorff mit Frau und Tochter das Findelheim.

Nach vielen provisorischen Unterkünften gelang ihm 1861 mit Unterstützung von Hong Konger Bürgern die Errichtung eines neuen "Findelheimes Bethesda". Dies war ein beeindruckender, großzügiger Kolonialbau, der für über 100 Mädchen eine neue Heimat in einer für sie lebensfeindlichen Welt bot. Die Mehrzahl der Mädchen wurde von reisenden Missionaren in Südchina gefunden und nach Hong Kong gebracht.

Unter Pfarrer Eduard Klitzke entwickelte sich ein lebendiges Evangelisches Deutsches Gemeindeleben. 1880 wurde neben dem Findelheim Bethesda eine kleine Kirche errichtet (siehe kleines Bild rechts). Dieses Kirchlein war die erste Evangelische Deutsche Kirche in Südostasien. Ihr Altarraum beherbergte ein Gemälde "Vom Guten Hirten" (Psalm 23) des berühmten Künstlers D. Carl Gottfried Pfannschmidt.

1900 gründeten die Deutschen in Hong Kong eine eigene "Kirchen- und Schulgemeinde"...

und warben als deren Leiter den damaligen Leiter des Findelheimes Bethesda, Theodor Kriele, ab. Diese erste Deutsche Schule in Hongkong hatte aber nur bis 1907 Bestand.

Ein wirtschaftlicher Abschwung in Hong Kong, der Wegzug vieler Deutscher sowie die einseitige deutschsprachige Ausrichtung der Schule, obwohl viele Kinder aus gemischtsprachigen Ehen entstammten, führten zu ihrem raschen Ende.

Die "Evangelische Kirchen- und Schulgemeinde" hatte Räume der Union Church gemietet. So gab es für sieben Jahre sogar zwei Evangelische Gemeinden für Deutsche in Hong Kong, eine in der Union Church und eine im Findelheim Bethesda.

Nach 1907 versammelten sich die Deutschen wieder allein im Findelheim Bethesda zum Gottesdienst.

Unmittelbar nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges...

wurden im Herbst 1914 die Deutschen aus Hong Kong ausgewiesen. Das Findelheim konnte durch die Arbeit von Diakonissen aufrechterhalten werden, wenn auch unter großen finanziellen Schwierigkeiten.

Die Abwicklung des Findelheims Bethesda nach Ende des Krieges 1919 verlief in einer chaotischen Weise. Während aller Besitz Treuhändern übergeben wurde, wurden die Mädchen ad hoc von Privatpersonen übernommen.

Ein Bericht der letzten Schwester im Findelheim Bethesda, Sidonie Knäpel, schildert, wie Hongkonger Bürgerinnen die Mädchen inspizierten und als Haushaltsgehilfen oder mögliche Schwiegertöchter auswählten.

Heute findet sich...

von den Gebäuden des ehemaligen Findelheim Bethesda und der Evangelischen Deutschen Kirche, die sich an der Ecke High Street und Bonham Road befanden, nichts mehr.

Bis zum Jahr 1965 gab es in Hong Kong keine verfasste Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache. Missionare verschiedener Evangelischer Missionsgesellschaften versahen in dieser Zeit bei Bedarf seelsorgliche und gottesdienstliche Aufgaben.

Erst mit Pfarrer Albrecht Plag (kleines Bild rechts: Familie Plag, 1966) und der Gründung der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache in Hong Kong wurde ein neues Kapitel in der Geschichte der Evangelischen Deutscher Sprache in Hong Kong geschrieben.

Wie es zur Gründung der Gemeinde kam...

erzählt Pfarrer Christoph Hildebrandt-Ayasse, der zusammen mit seiner Frau, Pfarrerin Cornelie Ayasse, von 2000 bis 2005 durch die EKD nach Hong Kong entsandt worden war:

Am 31. Mai 1965 riefen in Hongkong lebende Deutschsprachige auf einer konstituierenden Gemeindeversammlung die Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache ins Leben. Der Gründung vorausgegangen war ein langjähriger und schwieriger Prozess der Überzeugungsarbeit und Vorbereitung. Pfarrer Karl Ludwig Stumpf, in den 1950er und 60er Jahren Leiter des Büros des Lutherischen Weltbundes in Hongkong, hatte die Idee zur Gründung einer deutschen Gemeinde in Hongkong hartnäckig verfolgt.

Hongkong rückte um das Jahr 1960 herum in das Bewusstsein der Weltöffentlichkeit. Chinesische Flüchtlinge strömten in die britische Kronkolonie, und Hongkong erlebte einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Ein deutsches Generalkonsulat war 1953 errichtet worden, und immer mehr deutsche Kaufleute und Unternehmer ließen sich in der Stadt nieder. Kirchlich betreut wurden die Deutschsprachigen in jener Zeit an hohen Feiertagen und bei Kasualien von Baseler und Rheinischen Missionaren. Vor allem die Asienreise von Bischof Hanns Lilje im Jahr 1961 rückte diese Region nun auch vermehrt in das Bewusstsein der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Die Voraussetzungen zur Gründung einer Kirchengemeinde erschienen zunächst sehr ungünstig zu sein. Eine Umfrage im Jahr 1960 unter den 113 deutschen Familien in Hong Kong zur Gründung einer Gemeinde ergab, bei 50 Prozent Rückmeldungen, dass die Mehrheit der Befragten die Anwesenheit eines deutschen Pfarrers zwar durchaus begrüßte, aber nur ein Bruchteil sich bei der Errichtung und Erhaltung einer Gemeinde beteiligen wollte. Es gelang Pfarrer Stumpf im Laufe der Zeit, eine Gruppe von einflussreichen deutschen Geschäftsleuten und Personen aus dem Generalkonsulat um sich zu sammeln, die für die Errichtung der Gemeinde warben. Ein Treffen dieser Gruppe mit Bischof Lilje in Hong Kong bestärkte nun diese Absicht auch innerhalb der EKD.

Ende 1963 wurde Pfarrer Albrecht Plag mit seiner Familie nach Hong Kong entsandt und mit dem Aufbau einer Gemeinde betraut. Er wurde bei der konstituierenden Gemeindeversammlung 1965 zum ersten Pfarrer der Gemeinde gewählt und konnte eine große Zahl an Deutschsprachigen zur Gemeinde führen.